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Als der Anruf endlich kam und ich von meiner Kadernominierung erfuhr, war mir, als könnte ich selbst unter dem trendigen Longsleave, das ich an diesem Tag trug, den über meinen markanten Bizeps springenden, mit schwarzer Tinte auf die hübsche Haut tätowierten Haybachlachs, Symbol meiner Liebe, meines Vereins, das dunkle Mal! aufleuchten sehen. In der Vorrunde war ich einmal in der zweiten Mannschaft angetreten, in einer Operettenliga, deren Niveau auf jedem Pausenhof jeder Grundschule mit musischem Schwerpunkt tagtäglich übertroffen wurde. Ich hatte mich nach Milchglasfenstern gesehnt und mich in meine Lehrzeit im Leistungskader des Mainzer Volksparks zurückversetzt gefühlt.
 
Nun also endlich zurück in der Oberliga, dem Zirkus Roncalli der Tischtennisszene. Ich betrat die Halle in Ludwigshafen-Oppau und sah vertraute Bilder: Im VIP-Bereich balgte sich Familie Küssner mit den heimischen Kuttenträgern um Artischockenbrote, auf der Südtribüne trommelten sich die gesichtsbemalten David Schöne und Alex Schmelzeis für den Abstiegskracher warm. Ich sah mich nach Chen Zhibin um, entdeckte aber vorerst nur Nicolas Brusenburg, der mir ein gutes Stück gewachsen schien, und Marco G., den Kapitän, den agressive leader, den Bernd Hollerbach der Oberliga, der zum Warm-Up kleinere Beleidigungen vor sich hin murmelte und erste Kerben in die Tische trat.
 
„Mach mal hin, Chen Zhibin“, tippte ich in mein Mobiltelefon. „Und wo ist eigentlich Bryan?“, fragte ich in die Runde. „In Peru, in Peru, in den Anden“, trötete B. Ilchev und schob sich eine Schupfnudel in den Mund. „Chen Zhibin ist jetzt Nationaltrainer von Singapur“. Seltsam: Warum sagte mir mein Gedächtnis, dass ich mit den beiden vor wenigen Stunden noch beim Frühschoppen in der „Linde“ gesessen hatte? Mir ging ein Licht auf: Den beiden waren die Lichter ausgegangen. „Zieht euch Sportklamotten an“, wies ich die beiden Schlachtenbummler an. „Die kommen nicht mehr“.
 
Dann ging es los. Das Spiel selbst war sehr langweilig. Mal gewannen wir, mal die anderen. Ich nutzte die Zeit, um mich bei den kompetent wirkenden Gegnern nach Ü40-Parties in der Gegend zu erkundigen. Vielleicht konnte ich Chen Zhibin so wenigstens noch zum Schlussdoppel in die Halle locken. Das Unterfangen scheiterte allerdings an der Pfälzer Mundart. Ich verstand nur Bahnhof, und der sei schwer zu finden. Es stand nach der ersten Runde 4:5, zwei Doppel, Nicolas, ich, vom Rest wie gewöhnlich nichts.
 
Um mir die Langeweile zu vertreiben, blätterte ich in einer ausliegenden Provinzzeitung. Neben einer großformatigen Anzeige, auf der ich Matthias B. mit lasziv gekreuzten Beinen für Körperöle werben sah – auch ich war überrascht -, fand ich das Wettprogramm; sah, dass auf den ersten Ligasieg von David S. seit dem Verbot gleichfarbiger Beläge hohe Quoten ausgeschrieben waren, und hatte eine Idee. Unterdessen hatte endlich auch das vordere Paarkreuz mit Marco und Bernhard mal gewonnen, und Nicolas Brusenbein, „der Schlachs vom Haybach“, einen weiteren Sieg erbrüllt. Es stand also schon 7:5, als ich mich beim Blick auf den Spielstand bei David S. fast an meiner Frischkleber-Caprisonne verschluckte: 0:2 nach Sätzen! Ich mogelte mich in die Box, fragte den Gegner: „Kann ich mal deinen Schläger sehen? Schau, da steht meiner“, und zeigte auf Marco G. Also gewannen wir alle restlichen Spiele und damit insgesamt 9:5.
 
Von
David Weber