Wo beginnen? Am Anfang. Das war vor etwa zehn oder zwanzig Jahren. Ich saß mit Yves auf der Wohnzimmercouch, draußen war es richtig ungemütlich, Schnee, Sturm und Steffen Hagel wüteten, doch wir saßen im Warmen, teilten uns einen Mettigel und tranken heißen Pfefferminztee. Wir lasen „Der Besuch der alten Dame“ vom großen Dürrenmatt, noch ganz analog in einem „Buch“ – ein mobiles Endgerät alter Zeit, dessen bisweiligen Gebrauch ich auch der Candy-Crush-Generation aus der zweiten Mannschaft empfehle –, und waren ganz hingerissen von der spannenden Geschichte: Die alte, reiche Dame besucht ihre heruntergekommene Heimatstadt, ist kaum der Eisenbahn entstiegen, da wird sie schon um Hilfe monetärer Art gebeten, und da verspricht sie tatsächlich, jeden Bürger reich zu machen – sofern man sich bereit erkläre, im Gegenzug einen ganz bestimmten Bürger zu töten: denjenigen, der sie einst furchtbar betrog.

Yves war damals hochschwanger mit Marco, und er ahnte noch nicht, dass ich ihn einen Monat später, die Vaterschaft leugnend, Kopf über Hals verlassen würde, um mit Chen Zhibin eine Eisdiele in Weitefeld-Langenbach zu eröffnen. Yves schrie mir wütend hinterher: „Wirges! Wirges!“, doch ich war nicht zu halten.

Seitdem sind viele Winter und Sommer vergangen, Tränen und Netzroller gerollt; ich kehrte bald heim nach Klein-Winternheim, Yves dagegen zog sich infolge einiger körperlicher wie seelischer Verletzungen zurück und ließ sich lediglich über die Presse hin und wieder bissig über den desolaten Zustand der aktuellen Mannschaft aus. In der Tat darbte das Team, ausgelaugt, unzuverlässig, satt. Vor dem abschließenden Heimspiel gegen Heusweiler war die Personallage derart brenzlig, dass Teilzeitallergiker Marco mit bitterer Miene, einen tiefen Schluck aus seinem Milchglas nehmend, zum Telefonhörer griff.

Der Zug war pünktlich. Am späten Nachmittag erreichte Yves den alten, baufälligen Bahnhof in Klein-Winternheim. Unsere Blicke kreuzten sich. In seinem lag Hass. Meinen konnte ich nicht sehen. Der lange Marsch zur Halle; Bryans Blasmusik wurde durch Chen Zhibin und seine dröhnenden Paukenschläge übertönt. Die Begrüßung von Manager Claus B.: „…leider das letzte Spiel von David…haben ihn sehr geschätzt, gleichwohl…wo gehobelt wird, da fallen Späne…Auge um Auge…Tod oder Gladiolen…“, und so weiter. Ich schnaufte. Einige meiner Haare standen zu Berge. Vereinzelt sträubten sich Restposten im Nacken.

Dann eine erste Attacke. Der kleine David schoss Bälle in meine Richtung. Ich zuckte. Chen Zhibin haute mir mit seinem Paukenschläger auf die Rübe. Ich weinte. Nicolas kratzte. Ich kratzte zurück. „Du bist im Opferdoppel“, hörte ich eine tiefe Stimme sagen, ein diabolisches Grinsen auf dem Gesicht. Ich war starr vor Schreck. Immerhin war auch Nicolas schon so angekratzt, dass er kaum mehr spielen konnte.

Yves hielt seinen Teil der Abmachung und gewann. Marco und der kleine David präsentierten sich in Bestform, Hyänen, nach meinen Stammplatz im mittleren Paarkreuz heischend. 9:6 für uns. Ich winselte um Gnade. „Kein Erbarmen!“, keifte Yves und verteilte Mistgabeln und Fackeln an die Zuschauer. Matthias, mein einziger Freund in dieser Welt, war nicht gekommen. Ich sah, dass es zu spät war. Dass mich kein Time Out retten würde, keine Handtuchpause, kein verdeckter Aufschlag. Dass die Welt, wie ich sie kannte, aus den Fugen geraten war. Dass ich zum letzten Mal – stolz – das RSV-Trikot, den Haybachlachs auf der Brust getragen hatte.

Der Tag war gekommen: Es war Zeit zu gehen.

Von
David Weber